Natur in Gefahr
Die Biodiversität steht in der Schweiz unter Druck. Ein Drittel aller Arten und die Hälfte der Lebensraumtypen der Schweiz sind gefährdet. Die Schweiz steht bei der Beurteilung der gefährdeten Arten in beinahe allen Artgruppen schlechter da als die umliegenden Länder. Und die Trends der Roten Liste machen deutlich, dass die bisher gesetzten Ziele zum Schutz der Biodiversität verfehlt wurden.
Die ökologischen Aufwertungen können den gleichzeitigen Lebensraumverlust nicht kompensieren. Immer mehr Lebensraum geht verloren und muss monotonen Bauten und versiegelten Flächen weichen. Diverse Gefahren wie Barrieren, Lichtverschmutzung und Glasfronten stellen Wildtiere zusätzlich vor Herausforderungen. Die Gefährdung ist vor allem im Mittelland gross, wo das Land dicht besiedelt ist. Die Siedlungsfläche hat sich dort über lange Zeit massiv ausgedehnt, während gleichzeitig ein Biodiversitätsrückgang zu verzeichnen ist. Deshalb ist hierzulande die Förderung von Biodiversität im Siedlungsraum besonders relevant.
Barrieren und Hindernisse – wenn die Stadt zur Falle für Wildtiere wird
Im Siedlungsraum sind naturnahe Lebensräume selten gross und zusammenhängend. Gärten, Parkanlagen, Hecken und Brachen bilden ein Mosaik aus kleinen Grüninseln, die durch Strassen, Gebäude, Zäune und versiegelte Flächen voneinander getrennt sind. Diese Zerschneidung – in der Ökologie als Fragmentierung bezeichnet – ist eine der grössten Bedrohungen für Wildtiere im Siedlungsraum. Wenn ein Lebensraum von den Tieren eines nahe gelegenen, ähnlichen Lebensraums nicht mehr erreicht werden kann, drohen Populationen zu verarmen und schliesslich lokal auszusterben. Für die langfristige Förderung der Biodiversität ist ökologische Vernetzung daher genauso wichtig wie das Schaffen naturnaher Lebensräume selbst.
Was für ein Tier als Barriere gilt, hängt stark von seiner Grösse, seinen Fähigkeiten und seinem Verhalten ab. Ein Zaun ist für eine Wildbiene kein Hindernis – für einen Igel im Garten kann er eine unüberwindbare Wand sein. Deshalb braucht es artgerechte Lösungen.
Igel: Wildtierdurchgang im Garten
Igel legen jede Nacht grosse Strecken auf der Suche nach Nahrung und Fortpflanzungspartnern zurück. Sie sind auf zusammenhängende, zugängliche Grünflächen angewiesen. Lückenlose Zäune und Mauern zwischen Gärten verhindern genau das. In Zürich hat die Igelpopulation in den letzten 25 Jahren um 40 Prozent abgenommen – fehlende Durchgänge sind einer der Gründe. Bereits Mauern ab 20 cm Höhe können Igel kaum noch überwinden, ab 50 cm sind sie für die meisten Kleintiere praktisch unüberwindbar. Igel brauchen daher Öffnungen von mindestens 10 x 10 cm in Zäunen und Mauern, um sich frei bewegen zu können.
Wildbienen: ein Netz aus Trittsteinen
Wildbienen können zwar fliegen, aber auch für sie ist Vernetzung entscheidend. Sie brauchen innerhalb ihrer Flugdistanz – die je nach Art variiert, im Schnitt aber rund 300 Meter beträgt – sowohl Nistmöglichkeiten als auch ein vielfältiges Blütenangebot. Fehlen blühende Zwischenstationen, sogenannte Trittsteinbiotope, können sie grössere Distanzen nicht überbrücken. Fassaden- und Dachbegrünungen, Wildblumenstreifen entlang von Wegen sowie artenreiche Wiesen schaffen das nötige Netz an Zwischenhalten.
Eichhörnchen: Baum- und Heckenkorridore in der Stadt
Eichhörnchen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens auf Bäumen und legen kaum längere Strecken am Boden zurück. Für ihre Fortbewegung sind sie auf nahe beieinanderstehende Bäume angewiesen. Eine Studie aus St. Gallen zeigte, dass das Fehlen zusammenhängender Baumkorridore und die Zerschneidung von Grünräumen durch breite Strassen der Hauptgrund ist, weshalb Eichhörnchen in gut begrünten Stadtparks nicht vorkamen.
Fledermäuse: Förderung durch Dunkelkorridore
Fledermäuse orientieren sich im Dunkeln mittels Echoortung und fliegen bevorzugt entlang von Strukturen wie Hecken, Baumreihen oder Gewässerrändern. Eine Beleuchtung entlang einer Strasse ist für viele der lichtempfindlichen Fledermausarten eine unüberwindbare Barriere – sie schränkt ihren Aktionsradius ein und verringert damit das verfügbare Jagdgebiet. Unbeleuchtet gelassene Grünkorridore, sogenannte Dunkelkorridore, sind für Fledermäuse deshalb genauso wichtig wie die Strukturen selbst: Eine Hecke neben einem beleuchteten Weg kann auf der dunkleren Seite einen solchen Dunkelkorridor schaffen, den Fledermäuse zur Jagd und als Pendelstrecke zwischen Schlafquartier und Jagdgebiet nutzen.
Mauern, Zäune und Treppen als Hindernisse für Tiere
Neben der grossräumigen Fragmentierung erschweren alltägliche Bauelemente den Tieren das Leben. Quartiere mit neuen Einfamilienhäusern gleichen heute oft Festungen: Lärm- und Sichtschutzwände, bodentiefe Zäune und Mauern verhindern jeden Austausch mit der Umgebung. Sie sind für bodengebundene Kleintiere wie Igel, Kröten und Blindschleichen oft unüberwindbar – daher reicht oft eine kleine Lücke, um einen grossen Unterschied zu machen.
Treppen im Aussenraum stellen besonders für Amphibien und Igel eine Herausforderung dar. Stufen von mehr als 20 cm sind für Igel kaum mehr zu überwinden. Ein mindestens 10 cm breites Brett mit Querrillen am Rand der Treppe ermöglicht es den Tieren, den Ausstieg zu schaffen. Erdkröten sind nach Igeln die häufigsten Verkehrsopfer in Siedlungsgebieten – durch fehlende Durchgänge steigt das Risiko, dass sie auf die Strasse geraten.
Fallen im Garten: Tier im Pool oder im Lichtschacht gefangen
Nicht nur Barrieren, auch Fallen gehören zu den grössten Gefahren für Wildtiere im Siedlungsraum. Bei Lichtschächten vor Kellerfenstern fallen unter anderem Lurche, Mäuse, Käfer und kleine Frösche hinein und können wegen der glatten, steilen Wände nicht mehr hinausklettern. Am wirksamsten ist ein feinmaschiges Fliegengitter mit maximal 3 mm Maschenweite über den Schacht – es schützt zuverlässig und verhindert gleichzeitig, dass Laub hineinfällt. Weitere verbreitete Fallen im Garten sind Kellerabgänge ohne Ausstiegshilfen, Entwässerungsschächte sowie Kamine und Dachrinnen, in die Vögel hineinfallen und nicht mehr herausfinden. Kaminhüte können einen solchen Vorfall verhindern.
Swimmingpools mit glatten, senkrechten Wänden sind für Kleintiere lebensgefährlich. Findet sich ein Tier im Pool gefangen, gibt es ohne Ausstiegshilfe kaum eine Überlebenschance. Das Abdecken des Pools über Nacht und im Winter ist die einfachste Massnahme. Zusätzlich hilft eine Ausstiegshilfe in Form eines schräg ins Wasser gelegten Bretts oder von Steinen. Dasselbe gilt für Gartenteiche mit senkrechten Ufern sowie für Kübel und Töpfe, die sich mit Regenwasser füllen.
Die dunkle Seite des Lichts
Künstliches Licht gehört zum Alltag in der Stadt: Es sorgt für Sicherheit, Orientierung und eine angenehme Atmosphäre. Doch was für uns selbstverständlich ist, hat eine kaum sichtbare Schattenseite. Die natürliche Dunkelheit der Nacht verschwindet zunehmend – und mit ihr ein wichtiger Lebensraum. Heute leben rund 80 % der Weltbevölkerung unter einem lichtverschmutzten Himmel. Auch in der Stadt Zürich ist die Nacht vielerorts kaum noch wirklich dunkel. Strassen, Gebäude und Gärten sind dauerhaft beleuchtet – oft heller als nötig. Dabei kann künstliches Licht in Städten um ein Vielfaches intensiver sein als das natürliche Licht von Mond und Sternen.
Diese Entwicklung hat Folgen: Künstliches Licht beeinflusst natürliche Tag-Nacht-Rhythmen und wirkt sich auf Menschen, Tiere und Pflanzen aus.
Wie künstliches Licht Tiere beeinflusst
Nachtaktive Insekten orientieren sich am Licht von Mond und Sternen. Künstliches Licht bringt dieses natürliche System durcheinander. Statt gezielt zu fliegen, werden sie von Lampen angezogen und kreisen immer wieder um die Lichtquelle. Dabei verlieren sie wertvolle Energie, verbrennen an heissen Lampen oder werden zur leichten Beute für Fressfeinde. Beleuchtete Fassaden oder Aussenbeleuchtungen im Garten verstärken diesen Effekt zusätzlich und stören auch die Bestäubung, was sich negativ auf Pflanzen auswirken kann.
- Ein typisches Beispiel sind Glühwürmchen. Sie nutzen ihr eigenes Leuchten, um Partner anzulocken. In einer hell beleuchteten Umgebung sind diese Signale jedoch kaum noch sichtbar. Die Tiere finden sich nicht mehr und die Fortpflanzung bleibt aus.
- Künstliches Licht beeinflusst auch Vögel, besonders Zugvögel. Viele Arten fliegen nachts und orientieren sich am natürlichen Licht von Mond und Sternen. Über beleuchteten Städten wird der Himmel jedoch aufgehellt. Dieses künstliche Licht kann die Tiere verwirren und von ihrer Zugroute ablenken. Statt weiterzufliegen, kreisen sie oft um helle Lichtquellen oder werden von beleuchteten Gebäuden angezogen. Dabei verlieren sie Energie oder kollidieren mit Fassaden und Fenstern, für viele endet das tödlich.
- Auch Fledermäuse reagieren empfindlich auf künstliches Licht. Während einige Arten, wie beispielsweise die Zwergfledermäuse, von den einfach zu erbeutenden Insekten an den Lampen profitieren, meiden andere das Licht bewusst. Sie verlassen ihre Quartiere später, haben weniger Zeit zum Jagen und verlieren wichtige Jagdgebiete. Gerade in der Zeit der Jungenaufzucht kann das zu Nahrungsknappheit führen. Aufgrund der grossen Verluste dunkler Lebensräume sind viele lichtempfindliche Fledermausarten heutzutage bedroht.
Kunstlicht reduzieren
Im Alltag lässt sich oft mehr gegen Lichtverschmutzung tun, als man denkt, besonders im eigenen Umfeld. Ob im Garten, auf dem Balkon oder vor dem Hauseingang: Aussenbeleuchtung wird häufig länger und stärker genutzt als nötig.
- Nur bei Bedarf beleuchten: Licht sollte nur dann eingeschaltet sein, wenn es wirklich gebraucht wird. Bewegungsmelder oder Zeitschaltuhren verhindern, dass Lampen die ganze Nacht brennen.
- Dauerbeleuchtung vermeiden: Dekorative Lampen oder Solarleuchten strahlen oft in alle Richtungen und über viele Stunden. Für nachtaktive Insekten werden sie so schnell zur Falle und sollten nur gezielt eingesetzt werden.
- Licht gezielt ausrichten: Beleuchtung sollte nur dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht wird, wie auf Wege oder Eingänge. Hausfassaden, Bäume oder Gärten müssen nachts nicht angestrahlt werden. Abgeschirmte und tief platzierte Lampen verhindern, dass Licht in die Umgebung oder in den Himmel strahlt.
- Richtige Lichtfarbe wählen: Kaltweisses Licht zieht viele Insekten stark an und stört ihre Orientierung. Warmweisses, gelbliches Licht mit weniger als 3000 Kelvin ist für Tiere deutlich weniger störend.
Auch in der Stadt Zürich können solch einfache Massnahmen dazu beitragen, die Beleuchtung in der Stadt bewusster zu gestalten. So lässt sich die Lichtverschmutzung reduzieren und der Lebensraum für Tiere Schritt für Schritt verbessern.
Vogelkollisionen mit Glas – wenn Scheiben zur Falle werden
In der Schweiz sterben jedes Jahr mehrere Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben – an Fenstern, Fassaden, Lärmschutzwänden, Wintergärten und Bushäuschen. Das tatsächliche Ausmass bleibt dabei meist unsichtbar: Kleinere Vögel hinterlassen kaum Spuren am Glas, Kadaver werden rasch von Füchsen, Krähen oder anderen Wildtieren entsorgt, und viele Vögel, die nach dem Aufprall noch wegfliegen, sterben später an inneren Verletzungen. Erfahrungen aus Pflegestationen zeigen, dass viele Scheibenopfer trotz professioneller Betreuung Stunden oder Tage nach der Kollision verenden. Weil das Problem selten direkt beobachtet wird, wird es systematisch unterschätzt.
Durchsicht, Spiegelung, Licht: die drei Gefahrenquellen
Vögel orientieren sich optisch und erkennen Hindernisse anhand von Kontur und Textur – beides fehlt Glas. Bei der Durchsicht fliegt ein Vogel auf einen Baum oder den Himmel hinter der Scheibe zu, ohne das Glas dazwischen wahrzunehmen. Bei der Spiegelung reflektiert die glatte Oberfläche die Umgebung und täuscht einen freien Lebensraum vor. Da Innenräume stets dunkler sind als der Aussenraum, entstehen auf Fensterscheiben und Glasfassaden unter fast allen Lichtbedingungen Spiegelungen. Nachts stellt beleuchtetes Glas eine zusätzliche Gefahr dar: Ziehende Vögel werden von Lichtquellen angezogen und desorientiert.
Betroffen ist eine überraschend grosse Bandbreite an Arten. Schweizer Citizen-Science-Daten aus den Jahren 2022 bis 2024 dokumentierten Kollisionen von 64 Vogelarten – darunter häufige Arten wie Rotkehlchen, Buchfink und Haussperling, aber auch seltenere wie Eisvogel und Waldschnepfe. 18 Prozent der erfassten Kollisionen betrafen Scheiben von weniger als einem Quadratmeter Fläche, was zeigt, dass auch gewöhnliche Hausfenster eine reale Gefahr darstellen.
Vogelfreundliches Bauen: was wirkt wirklich
Der wirksamste Schutz entsteht in der Planungsphase. Wer beim Bauen auf mattes, strukturiertes oder milchiges Glas setzt, umgeht das Problem von Anfang an – solche Materialien spiegeln die Umgebung nicht und sind für Vögel klar als Hindernis erkennbar. Wo transparentes Glas eingesetzt wird, sind geprüfte Vogelschutzmarkierungen notwendig. Sie müssen die gesamte Scheibenfläche abdecken, die richtigen Mindestgrössen aufweisen und ausreichend kontrastieren: Schwarz, Weiss, Orange, Rot oder Silbermetallisch erweisen sich als am wirksamsten. Als Faustregel gilt, dass unmarkierte Flächen nicht grösser als eine Handfläche sein sollten.
Ein weit verbreiteter Irrtum: Greifvogelsilhouetten und UV-Folien bieten verlässlichen Schutz. Aufgeklebte Silhouetten werden von Vögeln nicht als Fressfeinde wahrgenommen. Die Vögel weichen den Silhouetten lediglich aus – Kollisionen wurden teils wenige Zentimeter neben dem Aufkleber dokumentiert. UV-Markierungen haben in standardisierten Tests ebenfalls kaum Wirkung gezeigt
Vogelschutzfolie, Vogelschutzmarkierung und weitere Massnahmen
Auch an bestehenden Scheiben lässt sich wirksamer Schutz nachrüsten. Die gängigste Lösung sind Klebefolien mit geprüften Vogelschutzmustern, vollflächig auf die Aussenseite der Scheibe aufgebracht – nur dort unterbrechen sie auch Spiegelungen. Alternativ können Schnurrvorhänge, Insektengitter oder selbst aufgemalte Muster mit Fensterfarbe eingesetzt werden. Eine dauerhafte Lösung bietet das Sandstrahlen oder Satinieren der Glasoberfläche. Für grössere Flächen empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem Fachbetrieb. Auch zu beachten ist, dass Futterstellen und Nistkästen nicht direkt vor Fenstern platziert werden sollten, da dies die Vogelaktivität an der Scheibe erhöht.
Wenn ein Vogel trotz Schutzmassnahmen einen Aufprall erlitten hat und benommen am Boden sitzt, legt man ihn in eine Kartonschachtel mit Luftlöchern (kein Futter, kein Wasser!) und stellt diese an einem ruhigen, warmen Ort ab. Nach ein bis zwei Stunden kann man den Vogel im Freien entlassen. Startet er nicht, bringt man ihn zur nächsten Vogelpflegestation (beispielsweise Voliere Zürich).